Was ist Bühnenpräsenz?

Dieses Wort begegnet einem im Zusammenhang mit dem Thema „Chor auf der Bühne“ immer wieder: Bühnenpräsenz. Aber was bedeutet das eigentlich?

Obwohl ich mich schon lange mit der Frage beschäftige, wie man mehr davon auf die Bühne bringt, könnte ich das Wort nicht in einem Satz erklären. Bis jetzt ist es für mich eher ein Gefühl als eine klare Definition.

Darum möchte ich mich heute auf die Suche nach passenden Worten begeben – und dabei sowohl einbringen, was ich schon weiß, als auch klären, was noch schwammig ist.

Denn ich glaube, dass in einem vertieften Verständnis dieses Wortes – oder sagen wir: dieses Zustands – einige Antworten darauf liegen könnten, wie wir ihn erreichen können.

Jetzt und Nicht-Jetzt

Präsenz hat auf jeden Fall etwas mit dem Jetzt zu tun. Damit, ganz im Moment anwesend zu sein. Wahrzunehmen, was gerade da ist.
Das Gegenteil könnte man als „Nicht-Jetzt“ bezeichnen: Wenn man körperlich zwar anwesend ist, gedanklich aber woanders. Mental beschäftigt mit dem, was gestern war, was später kommt oder was eigentlich sein sollte.

Ganz im Hier und Jetzt reagieren wir aus dem Moment heraus und auf den Moment. Im Nicht-Jetzt sind wir mit dem beschäftigt, was gerade gar nicht da ist. Häufig sind mit diesen „alten Gedanken“ auch alte Gefühle verbunden.

Das „Jetzt“ auf der Bühne: Bühnenpräsenz

Wenn wir das nun mit dem Wort Bühne in Beziehung setzen – was bedeutet „Jetzt und hier auf der Bühne“ – also Bühnenpräsenz – dann?

Beginnen wir hinter der Bühne. Stell dir vor, du wartest zusammen mit den anderen auf euren Auftritt. Du spürst eine leichte Anspannung oder Vorfreude. Du siehst deine Mitsängerinnen und Mitsänger und nimmst wahr, wie sie gestimmt sind. Du hörst das Gemurmel der Zuschauer im Saal. Du riechst das Haarspray der Frau neben dir. Du fühlst, wie deine Hände feucht werden, und vielleicht hast du noch den Geschmack vom letzten Hustenbonbon im Mund.

Dann bekommt ihr das Zeichen, aufzutreten. Deine Nervosität steigt ein wenig. Du setzt deine Schritte vorsichtig, um nicht zu stolpern. Und in dem Moment, in dem du die Bühne betrittst, nimmst du noch etwas anderes wahr: Erwartung. Du siehst eine große Gruppe Menschen – euer Publikum. Du spürst, wie dein Herz schneller schlägt, bemerkst vielleicht, dass vor dir eine Lücke entstanden ist, und gehst ein Stück schneller, um aufzuschließen.

Wir merken: Das Jetzt verändert sich ständig. Es ist kein Ort, sondern eine fortlaufende Bewegung.
Präsent im Jetzt zu sein hat also viel damit zu tun, Veränderungen unmittelbar wahrzunehmen und auf sie zu reagieren.

Das „Nicht-Jetzt“ auf der Bühne

Jede der gerade beschriebenen Wahrnehmungen kann dich auch wegführen vom Jetzt – nämlich dann, wenn du ihr folgst. Wenn du sie nicht weiterziehen lässt, sondern dich in ihr verstrickst.

Es ist gut möglich, dass du den Weg auf die Bühne schon gar nicht mehr richtig mitbekommst, weil du innerlich bereits ausgestiegen bist.

Stell dir noch einmal vor, du wartest auf den Auftritt. Du spürst die Anspannung oder Vorfreude – und denkst plötzlich:

„Au weia – da ist sie wieder, die alte Angst. Immer das Gleiche. Atmen! Wird schon gut gehen. Wir haben das doch immer irgendwie geschafft. Die Hände sind auch schon wieder feucht. Hoffentlich mache ich alles richtig. Ich muss daran denken, in der zweiten Strophe nicht mit dem Sopran einzusetzen – der Alt kommt erst später. Wie peinlich wäre das, wenn ich da allein zu hören wäre …“

Kennst du das? Wenn du wieder „aufwachst“, stehst du vielleicht schon auf der Bühne im Halbkreis – und hast alles dazwischen verpasst.

Bühnenpräsenz, wenn alles gut läuft

Situationen, die uns Freude machen und keine Angst auslösen, sind einfach. In ihnen sind wir präsent, ohne darüber nachzudenken. Einfach da – im Hier und Jetzt.

Diesen Zustand verbinden wir oft mit dem Wort „Flow“. Im Flow zu sein kostet keine Anstrengung – es geschieht einfach.

Präsenz in herausfordernden Situationen

Wenn Aufregung, Sorge oder Angst ins Spiel kommen, sieht die Sache anders aus. Dann zieht uns die Angst aus dem Flow heraus und hinein in unsere Gedanken- und Gefühlswelt.

Und dann greift ein mächtiger Mechanismus: Wenn etwas unangenehm ist oder uns Angst macht, wollen wir es loswerden. Wenn wir also merken, dass Angst oder Aufregung auftauchen, ist der nächste Impuls, sie zu bekämpfen. Wir versuchen, uns abzulenken, sie wegzudrücken oder nicht an die beängstigende Situation zu denken. Und schon befinden wir uns in einer Spirale aus Angst – und dem Versuch, sie wieder loszuwerden.

Das führt uns noch weiter weg vom Jetzt. Denn sie ist nun einmal da, die Angst. Das klopfende Herz, die Sorge, etwas falsch zu machen – all das gehört zum Jetzt. Auch die unangenehmen Gefühle. Aber eben nicht nur.

Die Wahrnehmung des eigenen Zustands steht gleichberechtigt neben allem anderen, was gerade da ist. Es geht also nicht darum, sie wegzudrücken – aber auch nicht darum, sie in den Mittelpunkt zu stellen. Sie ist Teil des Moments – zusammen mit dem freundlichen Publikum, dem Haarspray der Nachbarin und den schönen Harmonien, die wir singen.

Bühnenpräsenz

Ob man auf der Bühne in einen angenehmen Flow oder in eine schwierige Herausforderung gerät, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Manche lieben die Bühne, andere brauchen Zeit, um mit ihr warm zu werden – und wieder andere wachen erst wieder auf, wenn der Auftritt vorbei ist.

Wie ist es bei dir?

Ich selbst habe jahrelang zur dritten Kategorie gehört – weshalb ich begonnen habe, mich intensiv mit diesen Fragen zu beschäftigen. Ich wusste, dass irgendwo die Möglichkeit liegt, Auftritte wirklich zu genießen. Und heute kenne ich beide Zustände: Angst und Flow auf der Bühne.

Vielleicht kann man es so formulieren:
Bühnenpräsenz ist der Zustand vollständiger Anwesenheit im Jetzt auf der Bühne – mit allem, was wir über unsere Sinne wahrnehmen können.

 

In den Flow kommen

Wie kommen wir aus dem Nicht-Jetzt zurück ins Jetzt?

Ich denke, der Schlüssel liegt in der Wahrnehmung. Denn Wahrnehmung über unsere Sinne kann nur im Jetzt stattfinden.

Also können wir, wann immer wir bemerken, dass wir abschweifen, unsere Aufmerksamkeit bewusst auf das lenken, was wir sehen, hören, fühlen oder riechen.

Mir hilft es, die Gesamtheit aller Eindrücke gleichzeitig wahrzunehmen. Ich sage mir dann:
„Atme den ganzen Saal ein – und wieder aus. Nimm die Atmosphäre auf und lass sie durch dich hindurchfließen.“

Ich glaube allerdings, dass es kein allgemeingültiges Rezept gibt. Jeder kann seinen eigenen Zugang zurück ins Jetzt finden. Vielleicht ist es bei dir das Hören. Oder das Sehen.

Oder du fragst dich beim nächsten Mal einfach:
Wie riecht es eigentlich gerade auf der Bühne?

Weiterlesen:

Mehr Ideen zum Thema „Chor auf der Bühne“ findest du in meinem Blog und auf YouTube.