Singen mit Mimik und Emotion – wie Chöre ihren Ausdruck lebendig machen
Singen mit Mimik und Emotion ist für die allermeisten Sänger und Sängerinnen – im Chor oder solistisch – eine Selbstverständlichkeit. Zumindest theoretisch. Ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der sagt: „Besser, man singt ohne.“
Es gibt auch einige gute Gründe, die dafür sprechen. Zum einen verstärkt die Mimik beim Singen die Wirkung auf den Zuschauer – ein Lied wird emotional unmittelbarer erfahrbar. Außerdem verändert sich auch der Klang. Die Stimme nimmt etwas vom Gefühl an, und es öffnen sich wichtige Resonanzräume. Und: Es macht einfach mehr Spaß, ganz einzutauchen und Musik tief zu empfinden.
In diesem Video, das schon vor 10 Jahren entstanden ist, stelle ich „mit Mimik“ und „ohne Mimik“ einmal konkret gegenüber.
Warum Mimik beim Singen oft verloren geht
Warum ist es bei all dieser Einhelligkeit und den guten Argumenten trotzdem so selten, dass ein Chor mit lebendiger Mimik singt? Und wie kann man den Ausdruck beim Singen gezielt verbessern?
Beim spontanen Sprechen hat kaum jemand Probleme mit seiner Mimik. Sie reagiert und interagiert, wie sie das immer schon tut, seit Menschen miteinander kommunizieren.
Und genau darin liegt bereits ein Teil der Antwort: Singen ist nicht spontan. Singen ist eingeübt und hat oft kein direktes Gegenüber. Und wie wir alle von auswendig gelernten Gedichten wissen, wird der Ausdruck zunächst monotoner, je besser man einen Text auswendig kann.
Mimik beim Singen und Ausdruck müssen aktiv zurückgeholt werden. Und das fühlt sich für Menschen, die ihre Mimik sonst nur spontan beim Sprechen entstehen lassen, zunächst unecht und aufgesetzt an. Mimik wird zu etwas, das nicht automatisch passiert, sondern das man bewusst einsetzen muss.
Vom Singen zum Darstellen: Ausdruck im Chor bewusst gestalten
Eigentlich wird man in diesem Moment vom Hobbysänger zum Schauspieler. Denn es geht nicht mehr nur darum, ob ich ein Lied beherrsche und alle Töne kann, sondern darum, wie der Vortrag auf den Zuschauer wirkt.
Wenn wir nicht monoton und langweilig vortragen möchten, müssen wir uns diesen Ausdruck beim Singen wieder aneignen. Wir üben uns in Wirkung – und das ist für viele Menschen neu und ungewohnt. Wie man in der Probe den Schwerpunkt stärker auf Wirkung und Performance im Chor legen kann, kannst du in diesem Beitrag lesen.
Wie kann ich meine Mimik beim Singen verbessern?
Wie kann ich also meine Gesichtsmuskeln zu einer glaubwürdigen Mimik veranlassen? Es gibt verschiedene Herangehensweisen für das Singen mit Mimik und Emotion. Vier davon nutze ich häufig in meinen Proben:
1. Ein direktes Gegenüber ansingen
Wenn ich eine Person direkt ansinge, also vis-à-vis mit ihr stehe und echten Blickkontakt zulasse, entsteht automatisch eine Gesprächssituation. Wir kommunizieren. Das hilft dem Körper, sich daran zu erinnern, dass wir über und mit der Musik in Kontakt treten.
2. In die Geschichte des Songs eintauchen
Wovon singen wir eigentlich? Wer singt was – und warum? Welche Emotionen können empfunden und ausgedrückt werden? Die bewusste Beschäftigung mit der inhaltlichen und emotionalen Ebene kann eine Tür für lebendigen Ausdruck beim Singen öffnen.
3. Sich von der Musik berühren lassen
Manche Menschen haben gar kein Problem mit dem Ausdruck beim Singen, weil sie die Emotionen über Melodie, Harmonie, Rhythmus und Text immer wieder neu empfinden. Das geht aber nicht allen so. Ein möglicher Weg ist die bewusste Einlassung auf die Musik in ihrer Ganzheit. Also: genießen beim Singen. Zuhören, lauschen, fühlen.
4. Grundemotionen muskulär einüben
Es gibt einige Grundemotionen, die man auch muskulär üben kann. Ein überraschter Ausdruck entsteht zum Beispiel durch das Hochziehen der Augenbrauen. Wir nutzen hier den Effekt, dass die Mimik des Überraschtseins gleichzeitig auf das Empfinden zurückwirkt. Wir fühlen uns überrascht, weil wir so schauen. Gleiches gilt für Wut oder Entschlossenheit, für Trauer und für Freude.
In diesem Video siehst das Ergebnis intensiver Mimik-Arbeit. Man kann gut erkennen, wie der selbe Text durch unterschiedliche Mimik und emotionale Aufladung über die Länge des Songs hinweg überraschend, abwechslungsreich und interessant bleibt:
Fazit: Singen mit Mimik und Emotion ist Teil der Musik
Am Ende geht es nicht darum, „mehr Mimik zu machen“ oder etwas auf das Singen draufzusetzen. Es geht darum, den Ausdruck beim Singen wieder freizulegen, der im Übeprozess oft verloren geht.
Mimik beim Singen ist kein Zusatz. Sie ist ein Teil der Musik selbst. Und vielleicht ist genau das der entscheidende Perspektivwechsel: nicht etwas zu spielen, sondern wieder in Kontakt zu kommen – mit der Musik, mit dem Gegenüber und mit dem, was in uns beim Singen tatsächlich passiert.
Alle wissens (SSA)