Meine Ideen von Chor

Emotional berührend singen

Es gibt Momente, in denen ein Chor alle Technik vergisst und sie trotzdem gerade angewendet hat. Vom Denken ins gemeinsame Fühlen. das hört man nicht nur, das spürt auch das Publikum.

Das ist ein schmaler Grat. Wer zu vorsichtig bleibt und alles richtig machen will, öffnet die Tür zur Emotion gar nicht erst. Wer sich vom Gefühl zu weit tragen lässt, vergisst die Endung an der richtigen Stelle. Beides zusammenzuhalten ist die eigentliche Kunst.

Ich arbeite von mehreren Seiten daran: an der präzisen Gestaltung von Musik und Sprache. An den Textinhalten – was wird hier eigentlich gesagt, und an wen? An der Mimik – konkret an fünf Grundemotionen, die über die Augenpartie entstehen.

Und an der Tiefe, in die wir uns hineinlassen. Auch beim fünfzigsten Mal, auch wenn nichts daran neu ist, sich gemeinsam in einen Zustand zu bringen, in dem es wirklich intensiv wird. Das ist keine Frage der Stimmung, sondern etwas, das man üben kann.

Mehr dazu

Formation und Choreografie

Für mich gehören Musik und Bewegung zusammen. Ob eine Bewegung frei und individuell oder synchron ist, hängt vom Song ab, vom Geschmack und vom Können des Chores. Das Verhältnis zwischen beidem ist eine der interessantesten Fragen überhaupt  – und es wird bei jedem Stück und jeder Gruppe neu ausgelotet.

Ausgangspunkt ist immer der Song. Bewegung, Emotion und Aussage müssen auf derselben Spur laufen,  sonst stört die Bewegung das, was sie eigentlich unterstützen soll. Deshalb ist eine gute Chorchoreografie oft weniger komplex als erwartet und dafür richtig gut geübt.

Mich interessiert dabei besonders die Wirkung von Synchronität. Eine Gruppe, die im selben Moment dasselbe tut, und zwar mit derselben inneren Haltung, wirkt völlig anders als eine, die unverbindlich nebeneinanderher agiert. Das kostet Übezeit. Aber es lohnt sich, und es ist das, wofür ich brenne.

Mehr dazu

Sprachgestaltung

Niemand hat mir je gesagt: Wie schön ihr die Sprache gestaltet. Aber ich habe oft gehört: Ihr klingt eher wie eine Band als wie ein Chor. Oder: Ich habe jedes Wort verstanden.

Sprache ist das, worüber sich alles transportiert. Und wenn man sie links liegen lässt, wird sie zur Barriere. Wie soll das Wort Liebe glaubhaft klingen, wenn das L nicht zelebriert wird?

Sprache trägt die Bedeutung, sie trägt die Emotion, und sie trägt den Rhythmus. Eine verzweifelte Phrase braucht auch im Legato starke Konsonanten, eine melodiöse Linie dagegen führt über die Vokale und bettet die Konsonanten ein. In einer Swingnummer klingen Konsonanten weicher als in einem Marsch. Und eine knackige Endung liegt gemeinsam auf einer bestimmten Zählzeit, nicht individuell irgendwann. Ein „t“ kann dann klingen wie eine Hi-Hat.

Besonders interessiert mich das Deutsche, weil hier viel Potenzial liegt. Deutschsprachige Popsongs gewinnen Verständlichkeit, wenn man die Umgangssprache anerkennt: „im sanftn Schein“ statt „im sanften Schein“.

Raus aus dem Kopf – rein ins Empfinden

Chorsingen kann sich anfühlen wie eine endlose Addition von Dingen, die man gleichzeitig richtig machen muss. Je weiter ein Chor kommt, desto voller wird die Liste, bis irgendwann eine Grenze erreicht ist, an der mehr Konzentration nicht mehr weiterhilft.

Der Ausweg führt weg von der Frage, was alles zu tun ist, hin zu der Frage, wie es getan wird. Und dafür gibt es ein Vokabular, das für Musik, Emotion und Bewegung gleichermaßen gilt: leicht und schwer, direkt und indirekt, gebunden und ungebunden. Diese Qualitäten werden zuerst körperlich erfahren und dann auf Klang, Sprache und Bewegung übertragen.

Wenn alle wissen, was „leicht“ meint, ist es nicht mehr eine Anweisung für die Stimme, eine für den Körper und eine für den Ausdruck, sondern eine einzige Qualität, die sich überall zeigt. Das „Was“ existiert natürlich immer noch, aber es bettet sich ein in ein gemeinsames Ganzes, anstatt fragmentiert zu bleiben.

Mehr dazu