Ausdrucksqualitäten – ein gemeinsames Vokabular für Musik, Emotion und Bewegung

„Jetzt auch noch lächeln – nee, das geht nicht.“

Diesen Satz habe ich oft gehört, und er ist berechtigt. Chorsingen kommt Sängerinnen und Sängern manchmal vor wie eine endlose Addition von Dingen, die man gleichzeitig tun muss: den richtigen Ton treffen, mit der richtigen Technik, zur richtigen Zeit, dabei den Step-Touch nach rechts nicht vergessen, den Text deutlich sprechen, ins Publikum schauen. Und dann auch noch ein Gesicht machen.

Irgendwann ist die Liste zu lang. Dann steigt jemand aus.

Das Problem ist nicht die Menge

Es liegt daran, dass all diese Dinge als getrennte Aufgaben nebeneinanderstehen. Jede hat ihr eigenes „Was“, jede kostet Aufmerksamkeit, und keine hilft der anderen. So gerechnet ist die Rechnung tatsächlich nicht zu lösen.

Aber Musik, Emotion und Bewegung drücken dasselbe aus. Sie sind keine Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Aussagen. Wenn man sie so behandelt, addieren sie sich. Wenn man sie als verschiedene Erscheinungsformen einer einzigen Qualität begreift, tragen sie sich gegenseitig.

Der Weg dorthin führt vom Was zum Wie.

Erst der Körper

Ich fange nie mit Erklärungen an, sondern mit Musik. Zwei Stücke, die jeder kennt: „Over the Rainbow“ in der Ukulelenversion und „Eye of the Tiger“. Alle bewegen sich frei dazu, wie es kommt. Niemand muss etwas richtig machen.

Danach sammeln wir Wörter. Wie fühlt sich das eine an, wie das andere? Was die Gruppe zusammenträgt, ist ihre eigene Sprache – ich gebe sie nicht vor, ich ordne sie nur. Am Ende steht ein Begriffspaar, das alle gemeinsam gefunden haben: leicht und schwer.

Das ist keine neue Information. Diese Unterscheidung kannte jeder vorher schon, sie hatte nur keinen Namen und keinen Platz in der Chorprobe.

Dann der Klang

Als Nächstes nehmen wir etwas, das alle können. Eine Einsingübung, die längst im Ohr sitzt. Oder einen Kanon – „Der Hahn ist tot“ eignet sich gut, gerade weil er nichts vorgibt. Heute einmal leicht. Und dann einmal schwer.

Die Erkenntnis kommt sofort: Es geht beides. Keines von beidem ist richtig oder falsch. Es ändert nur die Aussage.

Und dann wird es interessant. Was passiert eigentlich, wenn wir leicht singen? Was macht die Stimme, was macht die Sprache? Meistens kommt zurück: weniger Druck, hellere Farbe, kürzere Konsonanten. Und es wird schneller – fast immer. Bei schwer: mehr Substanz, längere Vokale, Gewicht auf den Silbenanfängen, breiteres Tempo.

Dann fragen wir noch etwas anderes: Welche Gefühle verbindet ihr mit diesem leichten Durchlauf? Und welche mit dem schweren? Hier gibt es keine Zuordnung und keine Kategorien – was der einen leichtfüßig vorkommt, ist für die andere spöttisch. Beides steht nebeneinander, beides bleibt stehen.

Und damit liegt alles auf einem Tisch: die Bewegung von vorhin, der Klang von eben und die Gefühle, die daran hängen. Nicht als drei Listen nebeneinander, sondern als drei Beschreibungen derselben Sache.

Diese zweite Runde ist deutlich schwerer als die erste. Wie sich eine leichte Bewegung anfühlt, kann jeder beschreiben. Was eine leichte Version klanglich zu einer leichten Version macht, ist eine andere Frage.

Genau darum geht es. Nicht darum, alle Attribute zu finden – die Liste muss nicht vollständig werden. Sondern darum, die Blickrichtung zu ändern, damit die Frage überhaupt gestellt wird.

Was sich danach ändert

Von diesem Punkt an haben wir ein gemeinsames Wort. „Leicht wie eine Feder“ heißt für alle dasselbe – und zwar auf allen Kanälen gleichzeitig. Ich lande auf dem Ton leicht wie eine Feder. Ich gehe nach rechts leicht wie eine Feder. Ich fühle mich leicht wie eine Feder.

Das sind nicht mehr drei Aufgaben. Das ist eine.

Und noch etwas ändert sich: Es gibt nicht mehr die eine richtige Version. Wenn wir „Der Hahn ist tot“ singen, ist leicht nicht besser als schwer. Die Frage ist eine andere – welche Interpretation wählen wir? Was interessiert uns an diesem Stück gerade? Damit wird aus einer Aufgabe eine Entscheidung.

Gewicht ist dabei nur eine von drei Achsen. Es gibt noch die Richtung – direkt oder indirekt – und die Bindung – gebunden oder ungebunden. Aus ihren Kombinationen entstehen differenzierte Ausdrucksqualitäten, mit denen sich sehr genau arbeiten lässt. Aber das Prinzip ist bei allen dasselbe: erleben, benennen, anwenden.

Die Grundlage dafür bilden die Effort-Qualitäten von Rudolf Laban. Ich habe sie für die Arbeit mit Chor und Stimme neu geordnet und auf den Klang übertragen.